Säulen der Insel: Die Wurzeln von Jejus frauenzentrierter Kultur
Die Insel Jeju vor der Südküste Koreas wird oft als Ort mit einer ausgeprägten „frauenzentrierten Kultur" beschrieben. Hinter dieser Beobachtung steckt keine einfache Umkehrung der Geschlechterrollen, sondern eine bemerkenswerte Geschichte des Überlebens, der Arbeit und des Gemeinschaftssinns – geformt durch eine karge Vulkanlandschaft und ein gnadenloses Meer.
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Eine harte Umgebung und die Neugestaltung der Rollen
Die Wurzeln der frauenzentrierten Kultur Jejus liegen vor allem in ihrer unwirtlichen Geografie. Als Vulkaninsel, die von Basaltgestein durchzogen ist, ließ der Boden Regenwasser sofort versickern, was den Reisanbau auf nassen Feldern nahezu unmöglich machte. Auch der Trockenfeldbau wurde regelmäßig durch Taifune und Dürren vernichtet.
Da die Landwirtschaft kaum als Lebensgrundlage taugte, waren die Männer Jejus gezwungen, auf See zu gehen – als Fischer, als Transporteure von Waren ans Festland durch gefährliche Wellen, und als Träger von Militärfrondienst, Zwangsarbeit und der Verwaltung von Verbannungssiedlungen. Die Gefahren und die Intensität dieser Arbeit verhinderten, dass Männer ihre Haushalte kontinuierlich versorgen konnten.
Angesichts dieser Realität blieb den zurückgelassenen Frauen kaum eine Wahl: Sie mussten zur primären Ernährerinnen ihrer Familien werden. Aus der Not heraus übernahmen sie wirtschaftliche Rollen, die schließlich die kulturelle Identität Jejus prägen sollten.
Wirtschaftliche Unabhängigkeit und das Haenyeo-Netzwerk
Die entscheidende Triebkraft hinter der wirtschaftlichen Zentralität der Frauen Jejus war das Mulil – das Freitauchen nach Meeresfrüchten. Die als Haenyeo (해녀, Meeresfrauen) bekannten Taucherinnen tauchten ohne Atemgerät in kalte Gewässer und ernteten Abalone, Schnecken und andere Meeresprodukte. Ihre Einnahmen bildeten das primäre Bareinkommen des Haushalts und finanzierten die Ausbildung der Kinder – damit waren sie faktisch die Familienoberhäupter.
Die Haenyeo-hoe (해녀회), die Selbstverwaltungsorganisation der Taucherinnen eines Dorfes, ging weit über die Verwaltung von Fischgründen und Ernteregeln hinaus. Sie fungierte als mächtiges frauenzentriertes soziales Netzwerk mit breitem Einfluss auf die Gemeinschaftsangelegenheiten. Im Jahr 2016 wurde diese Haenyeo-Kultur in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.
Ein weiterer Schlüsselfaktor war die Beziehung, die Frauen Jejus nach der Heirat zu ihrer Herkunftsfamilie pflegten. Während konfuzianische Normen auf dem Festland verheiratete Frauen oft dazu brachten, enge Bindungen zu ihren Verwandten zu kappen, lebten Frauen in Jeju typischerweise in der Nähe ihrer Herkunftsfamilien und verließen sich auf diese Netzwerke für soziale und praktische Unterstützung. Diese Nähe sicherte den Frauen gesellschaftliche Stellung und Mitspracherecht auf eine Weise, die sich deutlich von der koreanischen Festlandgesellschaft unterschied.
Göttinnen, Schamanen und ein frauenzentriertes Weltbild
Die frauenzentrierte Ausrichtung Jejus spiegelt sich auch in seiner Mythologie und seinem religiösen Leben wider. Die bedeutendsten Schöpfungs- und Kosmologiemythen der Insel drehen sich um mächtige weibliche Gottheiten.
- Seolmundae Halmang — Eine riesige Schöpfungsgöttin, die Jeju selbst geformt haben soll. Sie wird nicht als himmlische Figur dargestellt, sondern als mächtige Mutter der Erde und des Meeres.
- Yeongdeung Halmang — Eine Meeresgöttin, die jeden Mondmonat Februar auf dem Wind nach Jeju kommt, Samen von Abalone und Schnecken über den Ozean verstreut und dann wieder abreist.
- Jacheongbi (Segyeong Halmang) — Eine Erdgöttin, die durch ihre eigene Weisheit und ihren Mut große Prüfungen überwand und die Samen der fünf Getreidearten vom Himmel mitbrachte, um den Menschen Jejus das Ackern beizubringen.
Die Rolle der Simbang – der schamanischen Ritualspezialisten, die für die Sicherheit des Dorfes und die sichere Rückkehr der Taucherinnen beten – war historisch gesehen überwiegend von Frauen besetzt. Damit erstreckte sich der weibliche Einfluss auch auf die spirituelle Sphäre der Insel.
Faktencheck: Kein Matriarchat
Ein verbreitetes Missverständnis stellt Jeju als vollständig matriarchalische Gesellschaft dar oder alternativ als einen Ort, an dem Männer schlicht untätig waren. Keine dieser Charakterisierungen ist historisch korrekt. Jeju funktionierte wie der Rest Koreas innerhalb eines patrilinearen Systems, in dem Familiennamen und Besitz über die männliche Linie weitergegeben wurden.
Was Jejus frauenzentrierte Kultur tatsächlich darstellt, ist keine binäre Machtverschiebung zugunsten von Frauen, sondern eine aus der Not geborene Arbeitsteilung. Männer standen an der tödlichen Front des Meeres und staatlicher Verpflichtungen; Frauen waren der Anker der häuslichen Wirtschaft und des Landes. Es ist treffender als eine Geschichte gegenseitiger Abhängigkeit und Widerstandsfähigkeit zu verstehen – zwei Gruppen, die unterschiedliche, gleichermaßen anspruchsvolle Lasten trugen, um gemeinsam auf einer schwierigen Insel zu überleben.